Was ist Marktkommunikation im deutschen Strommarkt?
Kurz: Marktkommunikation ist der standardisierte Datenaustausch zwischen Netzbetreibern, Lieferanten, Messstellenbetreibern, Bilanzkreisverantwortlichen und Übertragungsnetzbetreibern. Die Bundesnetzagentur legt Prozesse und Formate fest, veröffentlicht unter edi@energy, der Transport läuft über AS4. Ohne sie kann niemand in Deutschland Strom liefern, messen oder bilanzieren.
Wer kommuniziert mit wem?
Im deutschen Strommarkt hat jedes Unternehmen eine oder mehrere Marktrollen:
- Lieferant (LF): verkauft Strom an Kunden.
- Netzbetreiber (NB): betreibt das Verteilnetz und kennt jede Marktlokation.
- Messstellenbetreiber (MSB): baut Zähler ein und liefert Messwerte.
- Bilanzkreisverantwortlicher (BKV): hält Einspeisung und Entnahme je Viertelstunde im Gleichgewicht.
- Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB): 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW. Sie rechnen die Bilanzkreise ab.
- Dazu kommen Rollen wie Direktvermarkter und Einsatzverantwortlicher aus Redispatch 2.0.
Jede Rolle hat eine eigene Kennung, die 13-stellige BDEW-Codenummer oder eine GLN. Jeder Zählpunkt hat eine Marktlokation (MaLo-ID, 11 Stellen) und eine Messlokation (MeLo-ID, 33 Stellen). Diese Nummern stehen in fast jeder Nachricht.
Welche Prozesse gibt es?
Die Bundesnetzagentur hat die wichtigsten Prozesse in Festlegungen beschrieben:
- GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität): Lieferantenwechsel, Ein- und Auszug, Stammdatenänderungen, Netznutzungsabrechnung. Seit Juni 2025 muss ein Lieferantenwechsel innerhalb von 24 Stunden möglich sein.
- WiM (Wechselprozesse im Messwesen): Gerätewechsel, Messstellenbetreiberwechsel, Übermittlung von Messwerten.
- MaBiS (Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom): alle Daten, die der ÜNB für die Bilanzkreisabrechnung braucht. Mehr dazu unter Bilanzkreisabrechnung nach MaBiS erklärt.
- MPES: Prozesse für Einspeiser, zum Beispiel Solar- und Windanlagen.
- Redispatch 2.0: Datenaustausch für die Steuerung von Erzeugungsanlagen ab 100 kW.
Für Gas gilt parallel GeLi Gas mit eigenen Formaten.
Welche Formate werden benutzt?
Fast alle Nachrichten sind EDIFACT, ein Textformat aus den 1980er Jahren, das bis heute den deutschen Energiemarkt trägt. Die wichtigsten Nachrichtentypen:
Nachricht | Zweck |
|---|---|
| UTILMD | Stammdaten: Anmeldung, Abmeldung, Zuordnung zu Bilanzkreisen |
| MSCONS | Messwerte und Zeitreihen |
| INVOIC, REMADV | Rechnungen und Zahlungsavise |
| ORDERS, ORDRSP | Anfragen und Antworten, zum Beispiel nach Messwerten |
| UTILTS | Berechnungsformeln und Zeitreihen für Netzlokationen |
| CONTRL, APERAK | Syntaxfehlermeldung und Ergebnis der Verarbeitbarkeitsprüfung |
Die Bundesnetzagentur legt die Struktur jeder Nachricht in einem MIG (Message Implementation Guide) und die Anwendung je Geschäftsfall in einem AHB (Anwendungshandbuch) fest. Beides erscheint unter edi@energy.
Wie werden die Nachrichten übertragen?
Seit 2024 läuft der Transport über AS4, ein signiertes und verschlüsseltes Protokoll. E-Mail ist abgeschafft. Jeder Marktpartner braucht ein Zertifikat einer zugelassenen Zertifizierungsstelle und einen AS4-Endpunkt, den die Gegenseite kennt. Wer das Zertifikat nicht rechtzeitig erneuert, bekommt keine Nachrichten mehr.
Was sind Formatversionen?
Zweimal im Jahr, zum 1. April und zum 1. Oktober, ändert die Bundesnetzagentur die Formate. Jede Version hat einen Namen aus Jahr und Monat: FV2504, FV2510, FV2604, FV2610. Seit dem 1. Oktober 2026 gilt FV2610. Zum Stichtag müssen alle Marktpartner die neue Version senden und empfangen können. Mehr dazu unter Formatversionen und FV2610.
Was passiert bei Fehlern?
Jede Nachricht wird auf drei Ebenen beantwortet. Den Empfang bestätigt der AS4-Transport selbst mit der Non-Repudiation Receipt (NRR). Eine CONTRL kommt nur zurück, wenn die Syntax fehlerhaft ist; eine positive CONTRL gibt es in der Sparte Strom nicht. Die APERAK kommt immer und meldet das Ergebnis der Verarbeitbarkeitsprüfung: als Anerkennungsmeldung, wenn der Geschäftsvorfall verarbeitbar ist, sonst als Verarbeitbarkeitsfehlermeldung. Die fachliche Antwort selbst, etwa die Zustimmung oder Ablehnung einer Anmeldung zum Lieferantenwechsel, kommt danach als eigene UTILMD-Nachricht mit ihrem Prüfidentifikator. Eine abgelehnte Anmeldung heißt: der Kunde wird nicht beliefert. Deshalb müssen Ablehnungen am selben Tag bearbeitet werden. Dazu kommen Fristen für fast jeden Prozess, oft wenige Werktage.
Was heißt das für ein neues Unternehmen?
Ein neuer Lieferant oder Bilanzkreisverantwortlicher braucht am ersten Tag: Codenummern, ein AS4-Zertifikat, ein System, das alle Nachrichtentypen in der aktuellen Formatversion erzeugt und liest, und Menschen, die Ablehnungen und Clearingfälle bearbeiten. Dafür gibt es drei Wege:
- Selbst bauen. Nur sinnvoll mit eigenem Entwicklungsteam, das zwei Formatwechsel pro Jahr mitgeht.
- Software kaufen und selbst betreiben.
- Einen IT-Dienstleister oder eine Plattform nutzen, die Formate, Transport und Fristen übernimmt.
Wie macht es Engrate?
Engrate betreibt die Marktkommunikation für Lieferanten und Bilanzkreisverantwortliche als Plattform mit API. Formate, AS4, Formatversionen und Quittungen laufen im Hintergrund. Der Kunde arbeitet mit Marktlokationen, Zeitreihen und Prozessen, nicht mit EDIFACT-Segmenten. Cloover nutzt Engrate als BRP-IT-Dienstleister in Deutschland, Flower betreibt seine Rollen als Bilanzkreisverantwortlicher und Lieferant auf der Plattform. Mehr zum Produkt: Energy Market Communication.